Cyndi Lauper hat es getan! Westlife haben es getan! Und sogar Robbie Williams hat es getan! Viele Popmusiker haben im Laufe ihrer Karriere erfolgreich Alben mit Jazz- und Swings-Songs veröffentlicht. Dass das auch andersrum funktioniert und man als Musiker mit Jazz-Hintergrund erstklassige Pop-Platten aufnehmen kann, beweist seit Jahren Jamie Cullum.
Der gebürtige Engländer ist in seiner Heimat bereits seit Jahren ein Star. Eigentlich wollte er einen einen "ehrlichen Beruf" erlernen. Er studierte englische Literatur und schloss mit einem ausgezeichneten Abschluss ab. Doch seine Liebe zur Musik ließ sich nicht zurückhalten und so nahm er im Alter von 20 Jahren seine erste CD "Heard It All Before" auf. Die 500 Exemplare, die davon hergestellt worden, zahlte er aus eigener Tasche – und dieses Engagement zahlte sich aus.
Bald wurden die großen Plattenfirmen auf den charismatischen Künstler aufmerksam, waren fasziniert von seiner Art, Evergreens des Swing und Jazz so unglaublich frisch klingen zu lassen.
Mit "Pointless Nostalgic" erschien dann 2001 sein erstes offizielles Album. Das bestand noch hauptsächlich aus klassischem Songmaterial von George Gershwin, Ella Fitzgerald oder Dean Martin. Auf seinem nächsten Album "Twentysomething" (2003) erweiterte er dann deutlich sein Spektrum. Zwar nahm er immer noch Jazz- und Swingstandards auf, wie zum Beispiel seine beeindruckende Version von "I Could Have Danced All Night" aus dem Musical "My Fair Lady". Aber Cullum schaute gern und weit über seinen Tellerrand, coverte auch Songs von Gitarrenlegende Jimi Hendrix über US-HipHop-Star Pharell bis zur britischen Rockband Radiohead. Er scherte sich nicht um irgendwelche Genregrenzen, sondern widmete sich den Songs, die ihm persönlich gefielen.
Das Ergebnis: Jamie Cullum ist der am besten verkaufende britische Jazz-Künstler aller Zeiten.
Sicherlich nicht zuletzt wegen seiner beeindruckenden Live-Qualitäten. Da wird auf der Bühne spontan improvisiert, Jamie springt wild über die Bühne, spielt sein Piano mit Händen, Füssen und Klavierhocker – seine Liveauftritte sind mitreissende Erlebnisse, die auch für ihn selbst nicht ganz ungefährlich sind. "Wenn ich live spiele übernimmt irgendetwas in mir. Ich verliere die Kontrolle und das ist es, was diese Shows auszeichnet – eben das sie so unkontrollierbar und nicht vorhersehbar sind. Jedes Mal ziehe ich mir dabei leichte Verletzungen zu: ein Schnitt hier, ein blauer Fleck da, aber das gehört eben einfach dazu", erzählte Jamie im BB RADIO Interview.
Seinen Ruf als herausragender Entertainer und Musiker festigte er mit seiner dritten CD "Catching Tales", die 2005 erschien. Und auch hier zeigte sich seine Neugier und Suche nach neuen Wegen. So bestand das Album fast nur noch aus Eigenkompositionen und auch puren Jazz suchte man darauf vergebens – Jamie verfeinerte vielmehr seinen ganz eigenen Stil mit Einflüssen aus Pop, Rock, HipHop und Jazz.
Diesen Weg setzt er auch auf seiner neuen CD "The Pursuit" fort. Im Zentrum steht dabei ohne Zweifel sein virtuoses Klavierspiel, von leise und zart bis zu dramatischen Ausbrüchen beherrscht er alle Spielarten, verpackt es in ausgefeilte und stilsichere Arrangements der 12 Stücke.
So zum Beispiel seine unfassbar große Interpretation von Rihannas Hit "Don’t Stop The Music": Jamie nimmt die Geschwindigkeit aus dem Song und übrig bleibt ein vollkommen relaxter Groove, der sich zum Ende hin in einem infernalischen und beeindruckenden Klaviersolo entlädt. Im BB RADIO Interview verriet er, dass er gerne zu der Nummer im Club getanzt und den Song immer gemocht hat. Eines Tages saß er dann am Piano, spielte er den Titel und seine Version entstand einfach: "Ich weiß selber nicht, wie es passiert ist".
Anscheinend mühelos springt er zwischen Stilen: ob "Wheels" mit viel Popappeal kraftvoll nach vorne treibt, bei "Music Is Through" hypnotische Elektrobeats pumpen oder "Just One Of Those Things" so unwiderstehlich nach verrauchter Pianobar mit einem großen Whiskeyglas klingt - Jamies Wandlungsfähigkeit scheint grenzenlos.
In den gut 55 Minuten Spielzeit von "The Pursuit" swingt es einfach richtig entspannt, bis plötzlich das Piano mehr rockt als jede E-Gitarre, bevor ein jubelnder Chorgesang einsetzt oder sich mir-nichts-dir-nichts die Bläsersätze kraftvoll in den Song werfen - Sie werden von der Vielschichtigkeit des Album mitgerissen werden – versprochen! Und über allem thront Jamies markante warme rauchige Stimme, die "The Pursuit" zusammenhält und dem Album jede Menge Seele gibt.
Eine der schönsten und sicherlich spannendsten Platten dieses Herbstes und für Jamie Cullum hoffentlich auch in Deutschland der verdiente Durchbruch.
Anspiel-Tipps:
"I’m All Over It": zu Recht die erste Single, so beschwingt und leicht ist dieser Song, daß beim Konzert das gesamte Publikum unweigerlich sofort mitgeschnippt hat – einfach fröhlich
"Not While I’m Around": eigentlich aus dem Broadway-Musical "Sweeney Todd" (in der Filmversion mit Johnny Depp), ein tieftrauriger Song, dem Jamies einfühlsamen Gesang jedoch einen kleinen Funken Hoffnung verleiht – einfach berührend
"Mixtape": ein Song über die Bedeutung von selbst aufgenommenen CD’s (auch Jamie erhält jede Woche von einem seiner Freunde ein Mixtape), mit die fröhlichste Nummer auf dem Album, so klingt der Pop der Zukunft - einfach mitreissend
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